ALTRHEINBAHN

Die Ente der Nacht


Die Abschiedsfahrt...
 
Schienenblockade - wir alle kennen es aus dem Fernsehen; da setzen sich Leute irgendwohin um drohendes Unheil abzuwehren.
Auch der Schienenbus VT 795-240 führte am legendären Silvestertag des Jahres 1993 eine solche Aktion durch: Auf der Altrheinbahn-Abschiedsfahrt blieb er von Guntersblum kommend in Gimbsheim stehen und war nur unter Anwendung roher Gewalt (=Abschleppen mittels einer Diesel-Lok) von den Gleisen wegzubekommen...
Dieser letzen Fahrt folgten noch eine allerletzte und zahlreiche Berichte in der Wormser Zeitung - doch es half alles nichts:
Mittlerweile sind die Gleise entfernt und der letzte der Zug ist endgültig abgefahren.
 
"Die Leute, die im Zug sitzen, halten höchstens diejenigen an den Bahnschranken auf, die dringend zur Arbeit müssen."
(F.D.P.-Politiker im Eicher Verbandsgemeinderat zum Thema "Reaktivierung der Altrheinbahn", November 1995)
 
Der erste Streckenabschnitt von Osthofen bis Rheindürkheim konnte bereits im April 1897 in Betrieb genommen werden, die letzten Kilometer durch das Altrheingebiet bis Guntersblum folgten am 24.11.1900.
Dabei wurde die ursprünglich geplante Streckenführung mehrmals geändert - was in Gimbsheim recht kuriose Auswirkungen hatte: Kurz nach Bekanntwerden des ersten Planes wurde ein Gasthaus in der Nähe des potentiellen Bahnhofes errichtet. Das gleiche widerholte sich nach der Veröffentlichung des zweiten Planes. Beim dritten Plan, der dann auch genehmigt wurde, war man vorsichtiger: Jetzt wurde zuerst der Bahnhof und dann das Gasthaus "Zur Eisenbahn" gebaut.
 
Zur Streckeneröffnung dichtete ein Osthofener Bürger:

"Was ächzt so spät durch Nacht und Wind?
Kommt im Nebel durch den Altrhein geschnaubt,
Was ist's der Urahne Großmutter, Mutter und Kind
Morgens und Abends die Bettruhe raubt?
Was ist's das sich nur im Dunkel zeigt?
Mit Feueraugen kommt's schleichend daher
der Hase entflieht, der Rabe kreischt,
die Frösche hüpfen ängstlich kreuz und quer.
Im Dunkel der Nacht nur ist es zu schauen
Dann aber großes Spektakel es macht,
Es ist die Nebenbahn in Altrhein's Gauen.
Getauft ist sie schon: - Die Ente der Nacht - "

 

Die Bauarbeiten bei Eich
 
Die Stadt Worms hatte damals Interesse eine Bahn vom Wormser Hafen nach Rheindürkheim zu bauen - die Verhandlungen zogen sich bis 1905 hin, bis man zu dem Schluss kam, dass eine solche Streckenführung kaum rentabel wäre. Gleichwohl findet man im Schulmuseum in Worms-Pfeddersheim eine Landakrte aus dem Jahre 1900, auf welcher diese Strecke verzeichnet ist:
 


Außerdem ist auf dieser Karte der ursprünglich in Hamm geplante Kopfbahnhof zu sehen:



Der letzte reguläre Personenzug befuhr am 1.Juni 1969 die Gleise der Altrheinbahn.
 
Heute erinnern sich noch viele Altrheiner gerne an die Zugschaffner "Schiefer Zahn" und "Zeppeline". Auch der Junge, der einmal in Hamm eigenmächtig mit seiner Trillerpfeife den Lokführer zur Weiterfahrt aufforderte, ist unvergessen.
Im Volksmund wurde die Altrheinbahn auch "Grüne Gret" genannt.
 
Literaturhinweise
Döhn, Hans Eisenbahnpolitik und Eisenbahnbau in Rheinhessen 1835-1914, Mainz 1957
Harsch, Theodor Die Rheinuferbahn am Altrhein, In: Mainz-Bingen: Heimat-Jahrbuch. - 23 (1979), S. 66-67
Häussler, Dr. Ralph Eisenbahnen in Worms - Von der Ludwigsbahn zum Rheinland-Pfalz-Takt, Hamm / Rheinhessen, 2003